Geschichte der Kassel Huskies
Schwere Zeiten, aber vor allem großartige Erinnerungen (1966 bis 2006)
Als im Jahre 1966 ein paar Männer auf die Idee kamen, das Tennisgelände am Aschrottpark mit Hilfe von Gartenschläuchen in eine Eisfläche zu verwandeln, ahnte sicherlich noch keiner von ihnen, welche Ausmaße ihr neues Hobby Eishockey in Kassel einmal annehmen würde. Die Spieler dieser Tage – Helmut „Hello” Spohr (auch bekannt aus seiner Zeit beim KSV Hessen Kassel) und Viktor Klement um nur zwei zu nennen – liefen für den ESV Jahn Kassel 1913 e.V. auf. Den Verein gibt es immer noch, eine Eishockeyabteilung nicht. Denn als am 18. Februar 1977 die Eissporthalle am Auestadion in Betrieb genommen wird, hat die provisorische Eisfläche im Westen der Stadt ausgedient. Noch im selben Jahr und somit zur Saison 1977/78 startet die Eissportgemeinschaft Kassel in der Regionalliga in ihren ersten geregelten Spielbetrieb. Das erste Jahr der ESG fällt – wie erwartet – eher durchwachsen aus; nicht nur das erste Heimspiel vor immerhin 900 Eishockeyfans geht gegen Brackwede verloren. Als wenig später plötzlich die ersten Kanadier in der nordhessischen Metropole erscheinen, weht ein frischer Wind in der Eissporthalle. Neben den einheimischen Stars um Klaus Weiß, Erwin Forster und Herbert Heinrich (nach altem amerikanischen Vorbild hat sein Trikot mit der Nummer 5 einen Ehrenplatz unter dem Dach der Eissporthalle erhalten) verzaubern nun Gary Hoag, Danny Coutu und Eric Wolf die begeisterten Zuschauer in Kassel. Die erste kanadische Sturmreihe der Kasseler Eishockeygeschichte besticht durch ungewohnt gute Stocktechnik und Schnelligkeit und sichert der ESG so schnell wichtige Erfolge. Im Jahr 1980 gelingt die Meisterschaft und somit der Aufstieg in die Oberliga.
Als nur drei Jahre später unter Leitung von Trainer Jaro Fycek der Meistertitel geholt wird, ist es vor allem ein Spieler, Shane „The Train” Tarves, der der immer größer werdenden Fangemeinde eine unvergessliche Saison 1982/83 und den Aufstieg in die zweite Bundesliga beschert. Mit 102 Tore und 54 Assists in 36 Spielen und somit durchschnittlich 4,3 Punkten pro Spiel dürfte er noch heute ungeschlagener Top-Scorer in der ewigen Tabelle der Kasseler Eishockeyvereine sein. Auch sein Trikot mit der Rückennummer 3 hat daher einen besonderen Platz unter dem Hallendach erhalten.
Shane Tarves: „Mein schönstes Erlebnis in all den Jahren Kassel? 1989 – der Aufstieg in die zweite Bundesliga. Wir waren ein Klasse-Haufen und es war eine wahnsinnig schöne Saison. Aber auch sonst hatte ich immer tolle Mitspieler, wir waren erfolgreich, die Fans waren spitze – es hat einfach Spaß gemacht, in Kassel Eishockey zu spielen.
In der zweiten Liga hält man von Anfang an gut mit. Im dritten Jahr der Zweitklassigkeit rüstet die ESG gut auf, holt namhafte Spieler wie Kuki Dvorak, Dave O’Brien, Peter Roedger und Tim “Snoopy” Schnobrich. Als am Ende der Saison der Aufstieg mit nur einem Punkt verpasst wird, steht man plötzlich mit leeren Händen da. Denn dieses sportliche Missgeschick stürzt den Verein in eine finanzielle Krise; der die ESG meldet Konkurs an. Am 16. Mai 1987 wird so der Eishockey Club Kassel (EC Kassel) gegründet, der jedoch alle Altlasten des Vorgängervereins übernehmen muss. Man zieht sich freiwillig in die Oberliga zurück und will eine Spielklasse tiefer einen Neuanfang wagen. Zu Beginn sieht es weiterhin nicht gut aus für den ECK; erst als 1989 Martin Lepper als Konkursverwalter eingreift, läuft es wieder rund im Kasseler Eishockey. Mit einer neuen Spielergeneration um Tarves holt das Team 1989 den Meistertitel der Oberliga, der Wiederaufstieg in die zweite Bundesliga ist perfekt. Mit dabei Spieler, die noch heute hohes Ansehen genießen und dem Kasseler Eishockey viele Jahre treu zur Seite standen oder noch heute stehen: Seppi Kontny, Uli Egen, Matthias Kolodziejczak, Daniel Lammel. 1993/94 wird man unter Trainer Ross Yates Zweiter – dank Spielerlegenden wie Mike Millar, Milan Mokros, Brian Hills und Dave Morrison. Die Fans wissen die Leistungen ihrer nordhessischen Lieblinge mit neu erfundenen Gesängen zu würdigen: „Im Leben, im Leben, geht mancher Schuss daneben. Nur einer nicht, nur einer nicht, der Schuss von Brian Hills” oder „Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier – Mr Morrison wir danken dir…”. Und es sollte weitergehen mit dem Aufwärtstrend des EC Kassel.
Als im Frühjahr 1994 sowohl die erste, als auch die zweite Liga kollabieren, wird die Deutsche Eishockey Liga gegründet. Der EC wird Dank seiner inzwischen soliden wirtschaftlichen Verhältnisse ohne Vorbehalte in die höchste deutsche Spielkasse aufgenommen. Neben Haien, Adlern und Löwen will man aus Nordhessen nun die Huskies ins Rennen um die deutsche Eishockey-Krone schicken. Die erste Spielzeit in der DEL beenden die Huskies als bestes „Zweitligateam” auf Platz sieben und im Umfeld des Vereins finden einige Veränderungen statt: Martin Lepper, einst der Retter in der Not, zieht sich nun zurück; dafür treten Gerhard Swoboda und Uli Egen ihre Ämter als Vereinspräsident und Manager an. Die zweite Saison im Lager der besten Eishockeyteams Deutschlands beginnt für Kassel nicht gerade optimal, um so größer ist das Erstaunen, als plötzlich der Düsseldorfer Meistertrainer Hans Zach als Trainer an der Huskies-Bande steht. Er bringt die Mannschaft um Eakin, Cagas und Evtushevski wieder in Tritt und wird zum Ende der Saison als „Trainer des Jahres” ausgezeichnet. In den Play-Offs schmeißt man den Erzrivalen aus Südhessen raus; am Ende scheitern die Huskies aber an den Preußen aus Berlin. Während das „Bosman-Urteil” den europäischen Markt öffnet, holt man im Sommer Gerhard Brunner als Trainer nach Nordhessen. Mit ihm kommen so viele Ausländer wie nie zuvor: Hansson, Seppo, Öhman, Burakowsky, Samuelsson – um nur einige zu nennen. Ein denkwürdiges Jahr steht den Huskies und ihren Fans bevor: Nachdem man die Meisterrunde auf Platz drei abgeschlossen hat und in den Play-Offs zunächst die Star Bulls aus Rosenheim und dann die Eisbären Berlin ausgeschaltet wurden, muss man sich im Finale lediglich der neuen Macht im deutschen Eishockey – den Adlern Mannheim – geschlagen geben. Die Vizemeisterschaft 1997 – bis heute der größte Erfolg in der Kasseler Eishockeygeschichte. Von der Vizemeisterfeier am Rathaus, bei der mehr als 6000 Fans ihre Lieblinge hoch leben ließen, wird so mancher Beobachter noch seinen Enkeln zu berichten wissen.
Pavel Cagas: „Die Vizemeisterschaft war definitiv meine beste Zeit mit den Huskies. Was für ein unglaubliches Gefühl, bei der Feier am Rathaus von so vielen Menschen umjubelt zu werden – da wurde einem erst so richtig klar, was dieser Erfolg bedeutet!”
Im Jahr eins nach diesem Riesenerfolg kam dann, was kommen musste: Der große Absturz. Vizemeistertrainer Gerhard Brunner wurde nach vier Niederlagen in den ersten vier Spielen durch Bill Lochead ersetzt. Mit ihm kamen und gingen über die Saison verteilt ganze 36 Spieler. Aufgrund des zweiten Platzes in der Vorsaison, mischt man in diesem Jahr 1997/98 in der European Hockey League mit. Allerdings mit noch weniger Erfolg als in der DEL: „Chancenlos beim Euro-Abschied” titelt die HNA am 29.10.1997 zum letzten Heimspiel der Huskies in der EHL. Mit 0:6 hatte man zuvor gegen Färjestad BK verloren. Die Europaliga erwies sich in dieser Saison jedoch nicht als das größte Problem.
Eine Mannschaft, die keine war und besonders Kompetenzstreitigkeiten zwischen Simon Kimm, der inzwischen Hauptgesellschafter der Huskies ist, und Swoboda und Egen führen zu weiteren negativen Schlagzeilen. Zwischenzeitlich droht Uli Egen sogar mit seinem Rücktritt, entscheidet sich dann aber doch bis zum Saisonende zu bleiben. Anders Gerhard Swoboda: Der Club-Präsident und Leit-Husky seit 1992 fürchtet um einen „Gesichtsverlust” bei weiteren Verhandlungen mit Kimm und legt sein Amt mit sofortiger Wirkung nieder. Zu diesem Zeitpunkt kursieren bereits Gerüchte um die Rückkehr von Hans Zach in Kassel – die Zürich Lions hatten den Tölzer gerade gefeuert. Am Ende beschließt man die Saison mit dem zehnten Platz und ganz Nordhessen ist sich einig: So ein Jahr will man nie wieder erleben.
„Ich bin hier als alleinverantwortlich Schuldiger hingestellt worden. Das kann ich mir nicht bieten lassen, schließlich will ich auch vor den Fans nicht als Depp dastehen. Ich bin Profi genug, um zu wissen, wann es Zeit ist zu gehen”, erklärt Uli Egen gegenüber der Presse.
Die Gerüchte um eine Rückkehr des „Alpenvulkans” Zach verdichten sich bald. Und auch die Spielerverpflichtungen im Sommer spiegeln deutlich wieder, nach welchem Leitbild hier in den nächsten Jahren Eishockey gespielt werden soll: Aus dem alten Kader dürfen nur wenige Spieler bleiben, MacLeod und Lindmark etwa, die im Zachschen Defensiv-System bald entscheidende Rollen einnehmen. Sonst verstärkt man sich mit Abstreiter, Oswald, Dolak, Kreutzer, Mondt – das Motto: „Wille schlägt Talent”. Junge deutsche Spieler mit Kampfgeist, ergänzt durch etablierte Größen wie Rumrich, Guay, Evtushevski und Turgeon, lassen fortan reihenweise ihre Kritiker verstummen.
Hans Zach 99/00:„Wir haben eine Mannschaft, wir brauchen keine Stars.”
Verpasst man im ersten Jahr die Play-Offs noch knapp, so erreicht man schon in der zweiten Spielzeit das Halbfinale. Die „jungen Wilden” begeistern die Eishockeyfans Nordhessens. In einer an Spannung kaum zu überbietenden Viertelfinalserie 1999/00 gegen die Adler Mannheim schießt man den Deutschen Meister im vierten und fünften Spiel mit je sieben Toren vom Eis. Die Rhein-Neckar Zeitung titelt:„Huskies bereiten Adlern eine Beerdigung erster Klasse”. Am Ende reicht die Kraft nicht mehr aus, um sich auch gegen den zukünftigen Meister, die München Barons, zu behaupten – die Halbfinalserie geht mit 0:3 verloren. Nach dem dritten Spiel in München trauern die Huskies-Fans aber nicht nur um ein verlorenes Halbfinale, sondern um einen ihrer ganz besonderen Lieblinge: Greg Evtushekvski – legendär sind seine Kampfeinlagen auf und seine Herzlichkeit neben dem Eis – muss gehen. Bei einem Fantreff in der Saison hatte Shevi noch stolz verkündet: „Ich bleibe bei den Huskies, bis man mich raus wirft.” Zu diesem Zeitpunkt konnte der große Sportsmann und Teamplayer auch noch nicht wissen, dass er zur nächsten Saison kein weiteres Vertragsangebot erhalten würde. Zu groß war für die Huskies das Verletzungsrisiko des damals 35-Jährigen.
Greg „Shevi” Evtushevski:„Ich hatte einfach eine wahnsinnig tolle Zeit in Kassel. Ich wünschte, ich könnte noch einmal für die Huskies auflaufen und eure Anfeuerungsrufe hören. Wer weiß, vielleicht erhalte ich ja irgendwann einmal die Möglichkeit, zurückzukehren und den Huskies zu helfen. Ihr wisst ja: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.”
Im Frühjahr 2001, die Mannschaft kämpft gerade um die Play-Offs, fürchtet die Region erneut um den Fortbestand der Huskies: Huskies-Eigner Simon Kimm bietet Ingolstadt die DEL-Lizenz für vier Millionen Mark an, doch der ERC lehnt ab. Kimm will die finanzielle Last nicht mehr allein tragen, fordert mehr Unterstützung, die ihm von den Sponsoren geboten wird. So folgt am Ende die erlösende Nachricht: Es geht weiter mit den Huskies! Die Mannschaft zeigt sich von alle dem Theater im Umfeld unbeeindruckt und erreicht erneut das Halbfinale.
Auch im vierten Jahr unter Hans Zach läuft die Mannschaft zu Großem auf, stürmt wieder ins Halbfinale. Doch der Alpenvulkan sucht eine neue Herausforderung, ist es leid, dass größere Vereine ihn jedes Jahr um seine harte Arbeit bringen und „seine” Spieler aus Kassel abwerben.
Hans Zach in einer Autobiographie „Ich, der Alpenvulkan”:„Die Begeisterung und der Enthusiasmus, mit dem die ganze Region hinter den Huskies steht, ist nicht selbstverständlich. Die Huskies werden für mich immer eine Herzenssache bleiben.”
2001/02 steht der Schwede Gunnar Leidborg an der Bande. Nach einer verkorksten ersten Saisonhälfte gelingt den Mannen um Serikow, Wahlberg und Nedved erneut der Einzug die Playoffs. Dort scheitert man in sieben packenden Spielen an den Kölner Haien. Doch Leidborg erhält keinen neuen Vertrag und fortan geht es abwärts mit den Huskies. 2002/03 trainiert zunächst der ehemalige Zach-Assistent Kammerer die Schlittenhunde, wird aber bald
von Mike McParland abgelöst, der die Saison noch als „Fehltritt” retten kann. Er soll auch im nächsten Jahr die Huskies coachen. Die Neuverpflichtungen versprechen eine grandiose Saison, dementsprechend sind auch die internen Zielsetzungen. Am Ende einer desaströsen Spielzeit bleibt aber auch unter Feuerwehrmann Milan Mokros nur der sportliche Abstieg. Mit dem Klassenerhalt am grünen Tisch scheinen die Huskies gerettet zu sein. Doch das wahre Sommertheater nimmt erst noch seinen Lauf. Joe Gibbs, seit 1999 Manager des ECK, soll den Verein als Geschäftsführer übernehmen. Unstimmigkeiten mit Simon Kimm bewegen ihn dann aber zum Absprung. Die Huskies stehen vor dem Aus, nie war es so deutlich. 500 Huskies-Fans versammeln sich zu einem Schweigemarsch durch die Stadt und am 15. Juli folgt endlich die Erlösung: Rainer Lippe übernimmt den Verein. In der darauf folgenden Saison kann man durch die Planungsdefizite des Sommers den Abstieg nicht vermeiden, doch der Fortbestand, auch in Liga zwei, ist gewiss. Vom großen Neuaufbau mit Aussicht auf die geplante Multifunktionsarena ist die Rede. Und eins ist sicher: Jetzt greifen die Huskies wieder richtig an.
© by Leona Malorny
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Bildquellen:
Hans Zach (www.hannover-scorpions.de)
Greg Evtushevski (www.huskies-online.de)
Hans Zach Biographie (www.amazon.de)



